Die 4-Prozent-Regel: Was sie wirklich sagt und warum neuere Studien vorsichtiger rechnen
Wer das 25-Fache seiner jährlichen Ausgaben angespart hat, entnimmt im ersten Jahr 4 % und passt den Betrag danach jedes Jahr an die Teuerung an. So lautet die bekannteste Faustregel für den Ruhestand. Neuere Studien zeigen, wo sie an ihre Grenzen kommt.
Kurz gesagt
- Die 4-Prozent-Regel stammt von William Bengen: In den US-Daten ab 1926 reichte ein Depot aus je 50 % Aktien und Obligationen bei 4 % Startentnahme in keinem Fall weniger als 33 Jahre.
- Mit Renditen aus 38 Industrieländern kommt eine Studie von 2025 für ein Paar ab 65 nur auf 2,31 % pro Jahr, wenn das Risiko, das Geld aufzubrauchen, höchstens 5 % betragen soll.
- Morningstar berechnete Ende 2025 für 30 Jahre Ruhestand 3,9 % als höchste sichere Startentnahme, bei 90 % Erfolgswahrscheinlichkeit und 30 bis 50 % Aktien.
- Entscheidend ist die Reihenfolge der Renditen: Ein Einbruch in den ersten Jahren schadet viel mehr als derselbe Einbruch am Ende.

Die Regel ist schnell erklärt. Im ersten Jahr des Ruhestands entnimmst du 4 % deines Vermögens, danach jedes Jahr denselben Betrag, angepasst an die Teuerung. Bei CHF 1’000’000 sind das CHF 40’000 im ersten Jahr. Wer das 25-Fache seiner Jahresausgaben angespart hat, deckt so genau seine Ausgaben.
Woher die 4 % kommen
Der US-Finanzplaner William Bengen prüfte 1994 mit Aktien- und Obligationenrenditen sowie der Teuerung ab 1926, wie lange ein Depot bei verschiedenen Entnahmen gereicht hätte, für jedes mögliche Startjahr. Sein Ergebnis: Mit 4 % Startentnahme war ein Depot aus je 50 % Aktien und mittelfristigen US-Staatsanleihen in keinem Fall vor 33 Jahren aufgebraucht. Für den Aktienanteil empfahl er 50 bis 75 %, möglichst nahe bei 75 %.1
Höhere Entnahmen waren riskant. Bei 5 % Startentnahme hätte, wer Ende der 1960er oder Anfang der 1970er Jahre in den Ruhestand ging, teils nur rund 20 Jahre Geld gehabt. Bengen nannte 5 % riskant und 6 % oder mehr ein Glücksspiel.1
Warum die Reihenfolge der Renditen zählt
Wer Geld entnimmt, ist besonders verletzlich, wenn die Kurse früh fallen: Er verkauft dann zu tiefen Preisen, und das verkaufte Geld fehlt für die spätere Erholung. Die folgende Rechnung zeigt das mit genau denselben 30 Jahresrenditen in zwei Reihenfolgen. Einmal fällt das Depot in den ersten beiden Jahren um 25 % und 10 %, einmal in den letzten beiden. In allen anderen Jahren wächst es um 4 % nach Teuerung.4
- Einbruch in den ersten zwei Jahren
- Einbruch in den letzten zwei Jahren
Eigene Berechnung: Entnahme zu Beginn jedes Jahres, Renditen und Entnahme nach Teuerung, ohne Steuern und Gebühren.
Als Tabelle anzeigen
| Jahr | Einbruch in den ersten zwei Jahren | Einbruch in den letzten zwei Jahren |
|---|---|---|
| 0 | 1’000’000 | 1’000’000 |
| 5 | 558’558 | 991’334 |
| 10 | 454’252 | 980’790 |
| 15 | 327’349 | 967’962 |
| 20 | 172’951 | 952’355 |
| 25 | 0 | 933’367 |
| 30 | 0 | 564’035 |
Die Jahresrenditen sind in beiden Fällen genau dieselben, nur ihre Reihenfolge ist anders. Trotzdem ist das Depot im einen Fall im 25. Jahr aufgebraucht, im anderen bleiben am Ende CHF 564’035.4
Was neuere Studien zeigen
Bengens Zahlen beruhen allein auf US-Daten. Eine 2025 veröffentlichte Studie hat Renditen aus 38 Industrieländern ausgewertet. Ihr Ergebnis: Ein Paar ab 65, das höchstens ein Risiko von 5 % eingehen will, das Geld zu Lebzeiten aufzubrauchen, kann nur 2,31 % pro Jahr entnehmen, deutlich weniger als die 4-Prozent-Regel.2
Morningstar berechnet die sichere Entnahme regelmässig neu, mit Prognosen für Renditen und Teuerung. Ende 2025 kam das Unternehmen auf 3,9 % als höchste sichere Startentnahme für 30 Jahre, mit 90 % Wahrscheinlichkeit und 30 bis 50 % Aktien. Wer bereit ist, seine Ausgaben je nach Börse anzupassen, kann laut Morningstar mit fast 6 % beginnen.3
| Studie | Grundlage | Sichere Startentnahme |
|---|---|---|
| Bengen 1994 | USA ab 1926, mindestens 30 Jahre | 4 % |
| Morningstar 2025 | Prognose, 30 Jahre, 90 % Erfolg | 3,9 % |
| Anarkulova und andere 2025 | 38 Länder, Paar ab 65, 95 % Erfolg | 2,31 % |
Was das für deine Planung heisst
Die 4-Prozent-Regel ist eine gute erste Orientierung, aber kein Versprechen. Je länger dein Ruhestand dauern kann und je starrer deine Ausgaben sind, desto vorsichtiger solltest du rechnen. Viel Spielraum gewinnst du, wenn du in schlechten Jahren weniger entnimmst. Und weil jede Gebühr direkt von der möglichen Entnahme abgeht, lohnt sich ein Blick auf die Kosten, wie unser Artikel zu Fondsgebühren zeigt.
Kapital-Rechner
Aus dem Vermögen zu decken: CHF 32’000 pro Jahr
| Entnahme | Faktor | Vermögen | |
|---|---|---|---|
| 4 %-RegelBengen 1994, US-Daten, 30 Jahre | 4,0 % | 25,0× | CHF 800’000 |
| Morningstar 202530 Jahre, 90 % Erfolg | 3,9 % | 25,6× | CHF 821’000 |
| 38 LänderAnarkulova 2025, Paar ab 65, 95 % Erfolg | 2,31 % | 43,3× | CHF 1’385’000 |
Annahme: Die Einkünfte fliessen ab dem ersten Ruhestandsjahr. Beginnt eine Rente später, brauchst du mehr.
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So setzt du es um
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Was wir nicht wissen
- Alle Werte beruhen auf vergangenen Renditen oder auf Annahmen über die Zukunft. Wie die nächsten 30 Jahre verlaufen, weiss niemand.
- Steuern wie die Vermögenssteuer und laufende Fondskosten senken, was du tatsächlich entnehmen kannst. Wie stark, hängt von Wohnort und Produkten ab.
- Wie lange dein Ruhestand dauert, weisst du nicht im Voraus. Je länger er ist, desto tiefer liegt die sichere Entnahme.
Quellen
- 1Determining Withdrawal Rates Using Historical Data
- 2The safe withdrawal rate: evidence from a broad sample of developed markets
- 3What’s a Safe Retirement Withdrawal Rate for 2026?
- 4Eigene Berechnung: CHF 1’000’000, Entnahme CHF 40’000 zu Beginn jedes Jahres, Renditen nach Teuerung, 30 Jahre
- Text
- Roman Henggeler, Herausgeber
- Veröffentlicht
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